Gedanken zum Predigttext von Pfarrerin Susanne Blatt

Sonntag "Judika", 29.03.2020

Gedanken von Pfarrerin Susanne Blatt aus Leutenbach

zum Predigttext Hebräer 13,12-14 am Sonntag, 29.03.2020.

An diesem Sonntag hätten wir einen gemeinsamen Gottesdienst der drei Evangelischen Kirchengemeinden Leutenbach, Nellmersbach und Weiler zum Stein in Leutenbach gefeiert.

Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen auch von mir
Ihre Pfarrerin Rosemarie Gimbel-Rueß

 

Liebes Gemeindemitglied,

heute ist der Sonntag vor Palmsonntag. Er hat den Namen „Judika“, nach dem 43. Psalm, wo es heißt „Gott, schaffe mir Recht“. Ein unruhiger Mensch macht sich auf, Gottes Nähe zu suchen. So geht es mir auch an diesem Sonntag.  Es tröstet mich zu denken: trotz der Coronakrise geht die Welt auf Ostern zu. Heute hätten wir eigentliche mit dem Akzente-Team einen gemeinsamen Gottesdienst in der Leutenbacher Kirche gefeiert. Menschen aus Weiler zum Stein und Nellmersbach wären gekommen.

Beate und Olaf Hofmann aus Balingen wäre heute gekommen. Die beiden sind viel unterwegs in der Natur. Damit wollen sie ihrem Leben mehr Tiefe und Weite geben. Gottesdienste an anderen Orten, spirituell geprägte Wanderungen oder einfach nur eine Nacht unter dem Sternenhimmel verbringen – dazu laden sie andere ein. Schade, dass die beiden nun nicht kommen können. Sie können aber einen kleinen Film über sie auf unserer Homepage anschauen.

Die Erfahrung von Unterwegssein enthält beides: sich dankbar als Teil der Natur zu erfahren und sich in Gottes Schöpfung geborgen zu wissen. Aber auch: Unsicherheit und Ausgeliefertsein gegenüber den vernichtenden Kräften der Natur- das ist ein übermächtiges Gefühl in diesen Tagen angesichts der Corona Epidemie. Diese weltweite Krise zwingt uns, unser Leben zu verlangsamen und nachzudenken.

Ich lese den Predigttext für diesen Sonntag und möchte ein paar Gedanken mit Ihnen teilen.

Hebräer 13,12-14:

„Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach tragen! Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“

Draußen vor dem Stadttor hat Jesus gelitten. Und weil in Jesus Gott handelt, hat Gott selber sich aus dem heiligen Tempelbezirk hinausbegeben, außerhalb des Schutzgebietes der Stadtmauern und außerhalb des Ortes, an dem man Gott erwarten könnte. Diese große Geschichte, dass Jesus gelitten hat, begann draußen, in der Schutzlosigkeit. In der Deutung des Hebräerbriefs um die Menschen zu Gott zu bringen, zu heiligen, Anteil an der Auferstehung Jesu zu geben, wenn um sie herum Todesangst herrscht.

Gott ist da, wo jemand unsicher und ausgeliefert ist. Wenn er oder sie Angst hat, sich anzustecken, wo jemand um den Arbeitsplatz fürchtet oder seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.

Wenn nun schon der dritte Sonntag unsere Kirchen geschlossen sind, ist dies ein Trost: Gott ist auch außerhalb der Orte, an denen wir gewöhnlich an ihn denken, zu ihm singen und beten. Beim Spaziergang allein in diesem wunderbaren Frühling. Gott ist auch in unserer Wohnung, in der wir gerade so viel Zeit allein oder im kleinen Kreis der Familie zubringen müssen.

Gott ist da, wo Menschen leiden und sterben. Draußen vor dem Tor. Da heißt es in diesen Versen: „Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach tragen!“ Für mich ist dieses Bild eine wichtige Begründung für das diakonische und gesellschaftspolitische Engagement der Kirche. Jetzt und auch nach der Coronakrise.

Und nun kommt dieser berühmte Vers, der schon einmal Jahreslosung war und den Brahms so eindrucksvoll vertont hat: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“

„Wir haben hier keine bleibende Stadt." Der Hebräerbrief will, dass wir über unsere Prioritäten nachdenken: Hängt euer Herz nicht an äußere Sicherheiten. Mauert euch nicht ein! Übt beizeiten loszulassen, was ihr euch erarbeitet und aufgebaut habt. Eure Stadt, euer Haus sind vorübergehend anvertrauter Wohn- und Lebensraum. Eure Sicherheiten sind nicht wirklich sicher. Das erleben wir gerade so deutlich und schmerzlich, wenn wir zusehen, wie unser gewohntes Leben zusammenbricht.

Aber der Verlust unserer Sicherheiten bedeutet nicht, dass wir unseren Wert als Menschen verlieren. Es gibt eine „zukünftige Stadt", die uns als unverlierbare Heimat verheißen ist. Das ist die letzte Geborgenheit und Gemeinschaft mit Gott. In der Offenbarung des Johannes im 21. Kapitel ist das neue Jerusalem das Bild für die zukünftige Stadt. Ein Ort, der Gott und Mensch vereint; wo die Menschen einträchtig in Frieden und Gerechtigkeit beieinander wohnen. „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!" heißt es da. „Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er wird ihr Gott sein."

Wo Gott bei uns wohnt, kommen wir zur Ruhe. Hier und jetzt, in unserer Küche. Oder unterwegs auf dem Spaziergang. In der Nacht unterm Sternenhimmel. Gott ist unser bleibendes Zuhause, auch wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Gemeinschaft mit Gott und miteinander, das ist die zukünftige Stadt. Sie lohnt es zu suchen.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ihre Susanne Blatt

Gebet:

In diesen Tagen müssen viele schwierige Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden. Wir bitten für die Regierungen und Verwaltungen, dass sie das Krisenmanagement erfolgreich meistern.

In diesen Tagen ist das Gesundheitssystem über alle Kräfte hinaus gefordert. Lasst uns bitten für alle Menschen in Medizin und Pflege und für alle, die als Freiwillige und Dienstverpflichtete hinzukommen, dass ihre Anstrengungen von Erfolgen gekrönt werden.

In diesen Tagen werden Menschen sterben, mehr als gewöhnlich, und nicht nur Senioren. Lasst uns bitten für die Menschen, die es trifft, dass sie nicht unvorbereitet gehen, sondern im Frieden mit ihrem Leben und im Frieden mit Gott.

In diesen Tagen ist unser aller Leben, ob jung oder alt, ob lebenskräftig oder krank, unsicherer geworden. Wir bitten für uns, dass wir Gottvertrauen und Lebensmut gewinnen, unsere Wege neu zu finden. Amen.

 

Die Predigt von Pfarrerin Susanne Blatt mit Liedbeiträgen von Bernd Pfau finden Sie auf YouTube. Bitte diesen Link anklicken:

 

https://www.youtube.com/watch?v=r2YnVZN3S1Q